„Demokratieverseucht“ – Die Berlinfahrt der Jahrgangsbesten

Die ganze Politikprominenz war gekommen: Frau Merkel, Herr Seehofer, Frau Nahles, Frau von der Leyen, Herr Hofreiter und all die anderen. Kein Wunder, denn SchülerInnen der elften Klasse des Gymnasiums Wertingen besuchten den Bundestag. Da wurde viel geboten: Finanzminister Olaf Scholz stellte sein Konzept für die nächsten Jahre vor. Einige Volksvertreter hörten schweigend zu, wiederum andere schauten recht ablehnend. SPD- und CDU/CSU-Vertreter applaudierten bei Gelegenheit und die AfD-Angehörigen hielten sich mit üblen Schmährufen nicht zurück.
Das Klima im Bundestag habe sich verändert, seit die rechte Partei dort eingezogen ist, so MdB Dr. Ulrich Lange, der die Gruppe der Jahrgangsbesten nach Berlin eingeladen hatte. Im Anschluss an die Bundestagsdebatte beantwortete er die vielen Fragen der Jugendlichen. Diese bezogen sich selbstverständlich nicht nur auf das Verhalten der AfD. Es ging zudem um die Koalitionsverhandlungen, um die Flüchtlingsthematik, um Europa und um das Verhältnis zur USA. Außerdem stellte Dr. Lange seine konkreten Aufgaben vor und beschrieb den Alltag eines Abgeordneten. Dabei gab er auch so manche Anekdote preis.

Gemeinsam mit den Lehrkräften Barbara Meyer und Daniel Schär erkundeten die Schüler in der Woche vor den Osterferien die Hauptstadt. Bei einer Stadtführung erfuhr die Gruppe, warum Berlin Hauptstadt ist und nicht etwa Tangermünde. Die kleine Hansestadt hatte sich nämlich im 15. Jahrhundert geweigert, dem Kurfürsten Biersteuer zu bezahlen. So verlegte der Adelige seine Residenz, das spätere Stadtschloss, ins weniger renitente Cölln-Berlin und legte damit den Grundstein der heutigen Hauptstadt.

Außerdem widmete sich die Gruppe der jüdischen Geschichte. Dazu gehörte der Besuch des Denkmals für die ermordeten Juden in Europa sowie der Besuch des Jüdischen Museums Berlin. Eine Führung zur Geschichte Jerusalems im 20. Jahrhundert zeigte die Wurzeln vieler heutige Konflikte auf.

Eindrucksvoll war der Besuch der Gedenkstätte „Berliner Mauer“ an der Bernauer Straße, da hier die Mauer direkt vor den Eingangstüren der Wohnhäuser verlief. Dazu passte, dass die Lehrkräfte sozusagen als Zeitzeugen von diversen Besuchen und damit verbundenen Grenzübergängen berichten konnten. Eine Führung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen ergänzte diesen Tag, an dem die DDR-Vergangenheit im Mittelpunkt stand. Dort erzählte die Historikerin Birgit Hillmer eindrucksvoll einige Lebensgeschichten der ehemaligen Insassen. Etwa von ihrem Freund, der inhaftiert wurde, weil er gerne Bücher von George Orwell las. Oder von ihrer Freundin, die gerne verreist wäre, aber allein des Wunsches wegen in Einzelhaft landete. Das ging den Schülern dann doch recht nahe, weil es ja für sie Selbstverständlichkeiten sind. „Demokratieverseucht“ seien die Jugendlichen, so Hillmer, „und das im besten Sinne“. Dessen sollten sie sich stets bewusst sein und dafür eintreten. Dem schloss sich inhaltlich MdB Dr. Lange an, denn er appellierte abschließend an die Jugendlichen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen, sodass die Mitglieder des Bundestags tatsächlich die Meinungsvielfalt der Bevölkerung vertreten.