Zwischen Pessimismus und Energie-Visionen

Ein herzliches Dankeschön an all unsere Sponsoren: Schulverein des Gymnasiums Wertingen, Charlotte und Hermann Buhl Stiftung, VG Wertingen und Landkreis Dillingen

Das Projekt „Energievision 2050“ und die UN-Klimakonferenzsimulation rütteln die Wertinger Gymnasiasten auf

„Was hier abgeht, ist menschenunwürdig und unverantwortlich!“, so kommentiert die Gruppe der Klimaaktivisten die Verhandlungsrunde, unter deren Ergebnis die Entwicklungsländer definitiv zu leiden haben werden. Schließlich mache der Klimawandel gerade diese Länder sehr anfällig für Dürre, Krankheiten und Überschwemmungen. Der prognostizierte Anstieg des Meeresspiegels werde viele Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, einige flache Inselstaaten würden ganz verschwinden. Deswegen fordert auch der Sprecher der Entwicklungsländer: „Die Reichen müssen sich ihrer Verantwortung stellen!“ Die kontern jedoch: „Wir bauen eine Mauer!“

Emotional ging es zu auf der simulierten UN-Klimakonferenz, die insgesamt 117 Zehntklässler des Gymnasiums im Rahmen eines Planspiels erleben durften – wobei sich eine bittere Erkenntnis einstellte, die der Zehntklässler Jonas Karl so formulierte: „In dem Spiel ging es nicht einmal ums eigene Geld. Da hätte man noch bessere Ergebnisse erzielen können.“ Das Planspiel wurde von der internationalen Initiative „myclimate. shape your future“ und dem bundesweit tätigen gemeinnützigen Verein „die MULTIVISION e.V.“ organisiert und durch das Umweltbundesamt sowie das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit finanziell gefördert. An nur fünfzehn Schulen in Deutschland wird das Projekt jährlich durchgeführt und die Nachhaltigkeitsbeauftragten des Gymnasiums, Hildegard Mairoser und Harald Glaser, freuen sich natürlich sehr, dass ihre Bewerbung erfolgreich war: „Was für ein Glück, dass wir das bei uns durchführen können – und das auch noch drei Tage vor der echten Konferenz in Madrid. Besser geht´s nicht.“

Das Forum war zum Konferenzraum umgestaltet worden; die Zehntklässler verteilten sich an den Tischgruppen und übernahmen ihre Rollen: USA, EU, China, Indien, andere Industrieländer, andere Entwicklungsländer und Erdöl-Lobbyisten. Außerdem gab es noch die Klimaaktivisten, deren Ziel ein möglichst strenges Abkommen zur sofortigen Begrenzung der Treibhausgasemmisionen ist, das auch den Schwächsten gegenüber gerecht und fair ausfällt. Schließlich werden die Armen, die jungen Leute sowie alle zukünftigen Generationen unverhältnismäßig zu leiden haben, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden. Zunächst machten sich die Schüler durch ausführliches Briefing-Material mit ihren Positionen vertraut, dann ging es los: Jedes Land sollte ein eigenes Emissionsziel für fossile Brennstoffe definieren, sich für eine Politik im Bereich Entwaldung und Landverbrauch entscheiden und über die Einrichtung eines Klimafonds nachdenken. Dann starteten die Verhandlungsrunden. Alle hatten das große Ziel: Die Erhöhung der Durchschnittstemperatur soll bis zum Jahr 2100 möglichst unter 2ºC bleiben – eine gewaltige, schwierige und emotional fordernde Aufgabe, die ohne Kooperation nicht zu lösen ist.

Die Ergebnisse wurden in ein algorithmus-basiertes Tool zur Prognose klimatischer Entwicklung eingegeben, mit dem die direkt erreichte klimatische Veränderung auf Basis der jeweils formulierten Ziele sichtbar gemacht werden kann. „Das wird eine sehr enge Kiste!“, stellten die Kurzzeit-Politiker mit Blick auf ihre Ergebnisse dann auch fest. Dass allein in Deutschland seit den 2000ern die Klimaziele nie eingehalten wurden und die Ziele der Bundesregierung nicht mit dem Pariser Klimaabkommen zusammenpassen, ist schließlich bekannt. Da kann sich bei dem einen oder anderen Schüler schon ein gewisser Pessimismus einstellen: „Ich habe wenig Hoffnung für die Umwelt!“ bzw. „Ich werde nicht anders heimgehen, als ich heute Früh gekommen bin, denn es liegt nicht am Einzelnen. Das hat man in dem Spiel gesehen.“ Julia Seefried ergänzte: „Wir dürfen noch nicht wählen, wir können nicht entscheiden. Und Verzicht des Einzelnen bringt kein Ergebnis.“ Celia Hartl hat allerdings erkannt: „Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, entscheiden wir mit, fossilen Energieträgern nicht das Geld zu geben.“ Denn: Die Lobbyisten haben immer nur so viel Geld, wie man ihnen gibt. Und Moritz Eser ergänzt. „ Die Stellschrauben liegen ganz oben. Trotzdem glaube ich, dass ein Umdenken aus der Bevölkerung kommen muss. Es sind die kleinen Entscheidungen im Alltag, aber man muss es auf die Masse denken.“

Welche kleinen Entscheidungen es sein können, hatten die Schüler bereits anfangs der Woche gelernt. Das bundesweite Schulprojekt „Energievision 2050 – Unser Klima. Meine Energie. Deine Zukunft“ war zu Gast am Wertinger Gymnasium und führte in der sechsten bis elften Jahrgangsstufe je eine Doppelstunde lang einen interaktiven, multimedialen Vortrag durch. Zahlreiche Sponsoren hatte dieses Nachhaltigkeitsprojekt ermöglicht: Schulverein, Charlotte und Hermann Buhl Stiftung, VG Wertingen und Kreis Dillingen – Landrat Schrell hatte die Schirmherrschaft. Solche Bildungsangebote sind wichtig, denn die Stabilisierung des ökologischen Gleichgewichts ist zur wichtigsten Zukunftsaufgabe der Menschheit geworden. Da sind „Energievisionen“ und eine gehörige Portion Optimismus vonnöten, schließlich naht der Point of No Return und momentan sind noch keine merklichen Veränderungen zu verzeichnen.

Der Verein „Multivision“ hat zahlreiche Innovatoren und Experten besucht und dabei grandiose Projekte, visionäre Ideen, lokale Lösungen und tolle Forschungsobjekte kennengelernt. Dass sie auch umgesetzt werden, ist eine große Aufgabe, bei der die Schüler von heute eine wichtige Rolle spielen. Nicht nur, weil sie Ideen und Überzeugungen von der Schule in die Familien tragen, sondern auch weil sie die Forscher, Wissenschaftler und Unternehmer der Zukunft sind. Nur wenn die Schüler die entsprechenden Berufe wählen, kann die Energiewende umgesetzt werden. Außerdem müssen Denkweisen und Lebensgewohnheiten verändert werden, damit der Klimawandel gestoppt werden kann; handlungsorientiere und interaktive Impulslektionen leisten hier einen wichtigen Beitrag. Insgesamt soll die Bildungskampagne an rund 2000 weiterführenden Schulen Station machen und insgesamt 500.000 Schüler erreichen. Damit nicht nur die Klimaaktivisten im Planspiel, sondern alle erkennen: „Geld ist nicht wichtig. Die Welt ist wichtig!“

Sandra Ritter